"Das indische Krankensystem" - Drei Worte, die selten einen Anfall von Vertrauen verursachen. Dabei gibt es in Metropolen wie Mumbai inzwischen eine Vielzahl kleine Zahl sehr guter Einrichtungen, die mit erfahrenen Ärzten und Gerätschaften ausstaffiert sind und mit jedem Krankenhaus der Welt mithalten können. Nicht umsonst ist der Medizintourismus in Indien mittlerweile gut etabliert.
Was stimmt also nicht mit indischen Krankenhäusern? :??:

Vermutlich sollte ich nicht Krankenhaus sagen sondern Polyklinik, denn das kommt dem Ganzen am Nächsten. Nicht alle Krankenhäuser besitzen beispielsweise eine Notaufnahme. Tatsächlich handelt es sich um so eine Art medizinischen Supermarkt: Allgemeinarzt. HNO. Kinderarzt. Optiker. Herz-/Kreislaufspezialisten. Gynäkologen. Urologen. Etc. Alles unter Dach und Fach. Große Spitäler besitzen zudem ein eigenes Labor, während kleinere Krankenhäuser auf Anbieter wie Ranbaxy und Dr. Reddy zurückgreifen.
In Indien, wo jeder in seinem kleinen Hinterhof alles machen/herstellen kann, hangeln wir uns auf der Suche nach vertrauenswürdigen Adressen von Marke zu Marke. Auch im medizinischen Bereich. Demnach gibt es in Indien viele Krankenhäuser und Kliniken, die zur Apollo-Gruppe gehören, oder Fortis, Wockhardt, Hiranandani, Manipal, etc. Davon abgesehen hat jede Stadt weitere angesehene private Krankenhäuser, wie Lilavati in Mumbai. Das größte Krankenhaus in Indien ist das staatliche All India Institute of Medical Sciences, kurz AIIMS. Um dort einen Termin zu bekommen, ohne sich die Beine in den Bauch Geschwüre in den Magen zu stehen, hat man am besten Beziehungen.
Hier soll es ausschließlich um private Krankenhäuser gehen.

Sprechstunden
Im Empfangsbereich findet sich dort meist eine große Tafel mit den Arbeitszeiten der verschiedenen Doktoren. Unter der Überschrift Allgemeinarzt steht dann z.B.:
Dr. A. - 9:00-10:00Uhr (Mo-Fr)
Dr. B. - 10:00-11:00Uhr (Mo, Mi, Fr)
Dr. C. - 17:00-18:30Uhr (Mo-Fr)
Kinderarzt
Dr. D - 11:00-12:30Uhr (Mo-Fr)
Dr. E - 12:00-13:00Uhr (Mo, Do, Sa)
Dr. F - 16:00-18:00Uhr (Mo, Di, Do)
usw. für jede Abteilung, jeden Spezialisten.

In der Praxis (nicht der des Arztes) sieht das so aus: Daniela sucht am Donnerstag einen HNO-Arzt. Es ist 9:00Uhr morgens. Der Hals schmerzt. Apollo-Krankenhaus ("nur" 5km entfernt) teilt uns auf einen Anruf mit, es gebe donnerstags keinen HNO bei denen. Wir fahren also zum Nanavati, einem weiteren bekannten Spital in Mumbai. Dieses liegt im Stadtteil Vile Parle und damit im Berufsverkehr eine anderthalbe Stunde entfernt. Es ist 11:30Uhr. Der Hals schmerzt. Im Empfangsbereich teilt man uns mit, der HNO träfe erst 14Uhr ein. |-| Ab 13:45 werden dann bereits Nummern ausgeteilt, die die Patientenreihenfolge bestimmen würden, doch wer will schon zwei Stunden warten?
Wir rufen im Lilavati an und fragen, ob ein HNO bereit sei. Ab 16Uhr, teilt man uns mit. |-|
Rahul - ich weiß nicht, wie er es macht :??: - schafft es trotzdem, einen Termin bei einem HNO für 13Uhr zu ergattern. Ist es nicht seltsam, dass man vom selben Krankenhaus zwei Auskünfte erhält? Erst gibt es keinen HNO und dann taucht er beim zweiten Telefonat plötzlich auf wie Phönix aus der Asche? Mir fällt für diesen Sachverhalt spontan das Wort "komisch" ein.

Gehen Sie weg, der Arzt hat zu tun!
Als ich am Dienstag dann wieder im Lilavati in der HNO-Abteilung saß, wimmelte die Sprechstundenhilfe einen Patienten ab, weil der Arzt "heute sehr beschäftigt" sei. Der arme Mann solle doch morgen wiederkommen. Wie viele Leute saßen im Warteraum, dass der Arzt heute sehr beschäftigt sei? Drei.
Ich war Nummer Zwei. Und ich brauchte circa sieben Minuten.
Es gibt auch keine Terminkärtchen wie in Deutschland.
"Kommen Sie am Dienstag um 12Uhr", meinte die Sprechstundenhilfe zu mir. Eine süße kleine Frau im rosa Kittel. Dienstag steh ich 12:30Uhr vor ihr, also immerhin stolze 30min zu spät (war natürlich nicht meine Schuld :>>).
"Ja, der Arzt kommt erst 13Uhr. Setzen Sie sich mal hin."
Vier Stühle stehen im Warteraum. Ich glaube nicht, dass indische Ärzte, die in großen, renomierten, überteuerten Krankenhäusern wie dem Lilavati angestellt sind, sich totarbeiten.

Natürlich verfügen diese Krankenhäuser auch über permanent anwesende Ärzte, doch diese sind lediglich für die In-Patients, also die eingewiesenen, und für Notfälle zuständig. Für Out-Patients (also Leute wie wir, die einfach nur einen Arzt brauchen für Husten, Schnupfen, Heiserkeit) gelten die Sprechstunden, die sich im Optimalfall auf stolze drei Stunden pro Tag erstrecken.

Was machen die Ärzte eigentlich, wenn ihre einstündige Sprechzeit vorbei ist? Sie sind entweder fest im Spital angestellt und kümmern sich um die In-Patients, oder aber sie tuckern zum nächsten Krankenhaus, wo sie ein weiteres Stündchen oder zwei Patienten abwickeln. Oder sie haben eine eigene Praxis. Jeder Arzt handhabt das unterschiedlich, aber es kann sein, dass man in einem teuren Spital wie Fortis für eine Konsultation mit Arzt Raju doppelt so viel zahlt wie für eine Konsultation mit demselben Raju in einem anderen Spital zwei Stunden später. :yes:

Private Praxen verzieren die Landschaft. Überall baumeln Schilder für Allgemeinärzte, Zahnärte, HNOs, Kinderärzte, usw., aber ich persönlich gehe lieber ins Krankenhaus. Nicht nur wegen dem vertrauenserweckenden Umfeld, das manchmal (aber nicht immer) sogar nach Medizin riecht, sondern auch weil.... Hinterhof und so. Um einen wirklich guten privaten Arzt zu finden, bedarf es Zeit, Erkundungen und Beziehungen. Natürlich gibt es solche Ärzte, vermutlich gar in rauen Mengen, die u.U. noch viel besser arbeiten ohne den Druck auf Umsatz, den sie vom Krankenhausmanagement bekommen, aber ich kenne (noch) keinen davon und steuere darum weiterhin Krankenhäuser an.

Was kostet der Spaß?
Eine Konsultation mit dem Allgemeinarzt in einer beliebigen Apolloklinik quer durch Indien kostet derzeit 150Rupien. Im Lilavati 600Rupien. Im Fortis 450Rupien. Dieser Betrag ist vorab zu zahlen und man zeigt dem Arzt die Rechnung. Jede Folgebehandlung muss extra getragen werden.
Ein 0815-Bluttest kann 130Rupien kosten.
Malariatest: 75Rupien.
Urinprobe: 60Rupien.
Spritze: 30Rupien (Impf- bzw. Spritzstoff extra)
Röntgen: 200Rupien.
Erstellung einer Bakterienkultur: 890Rupien.
Gewebeprobe/Biopsie: 850Rupien.
MRT: 4.000Rupien.
Die Preise variieren natürlich von Spital zu Spital. Lilavati (wo sich bspw. der Bollywoodschauspieler Saif Ali Khan behandeln lassen hat) verlangt deutlich mehr für dieselben Tests als Apollo.

Da Krankenhäuser nur mit Tests und Untersuchungen Geld aus Out-Patients quetschen können, wird damit sehr frei umgegangen. Ach kommen Sie, erstellen wir mal fix ein Blutbild. Geben Sie uns doch mal eine Urinprobe. Machen wir mal eine Röntgenaufnahme davon. Besonders der inflationäre Gebrauch der Röntgenmachine macht mich ganz nervös. Ich bin kein Arzt, ich weiß nicht, welche Tests notwendig sind, aber dass ich in Indien weitaus öfter angezapft wurde als in 18Jahren in Deutschland fällt mir schon auf. |-|

Desweiteren verkaufen Krankenhäuser Vorsorgepakete. Da gibt es bspw. das Vorsorgepaket für die Frau, den Mann, den Rentner usw. Krebsvorsorgepakete, Diabetes etc. Solche Untersuchungen rangieren vom routinemäßigen Bluttest über Urinproben hin zu Röntgen, Lungenfunktionstests, ne Runde auf dem Laufband, Diabetestests, Ernährungsberatung usw. Je nach Krankenhaus und Umfang des Tests muss man mit 4.000 zu 13.000 Rupien rechnen.

Es gibt noch jede Menge zum Gesundheitssystem zu schreiben, weswegen ich weitere Beiträge u.a. zu diesen Themen plane:
- Apotheken
- Medizinische Versorgung für Arme (=Staatliches Gesundheitssystem)