Wie drucke ich mir eine neue Generation?
(Teil 1)
Die Inderin wacht gerade aus ihrem Schlummer auf. Ihr Salwar Kameez spannt sich gewohnt eng um ihre ausladenden Formen. Die mit kleinen Goldmotiven bedruckte Dupatta ist zerknittert, das Bindi auf ihrer Stirn leicht verrutscht, ihr Kajal verschmiert. Die Hennamotive, die sie sich vom Mehendiwala für eine Hochzeitsfeier letzte Woche auf die Haut malen lassen hatte, schrubbeln sich langsam ab. Zwischen den zarten Riehmchen ihrer Sandalen, in die sie lässig schlüpft, steckt der rote Staub des Landes. Das Kokosöl, welches sie sich vor ihrem Dornröschenschlaf ins Haar gerieben hatte, verströmt einen süßlich-ranzigen Geruch, an den sie sich im Laufe der Jahre gewöhnt hat. Die Blumenverkäuferin hatte ihr wie jeden Morgen eine kleine Kette aus Jasminblüten geliefert: sie steckt in einem Plastikbeutel an der Türklinke, gleich neben der Tüte, in die der Milchmann ein Päckchen Vollfettmilch gestopft hatte. Aruna, die Haushaltshilfe, steht vor der Tür.
Die Inderin, nennen wir sie Kusumlata, bindet sich die Jasminblüten in den triefenden Zopf und schlurft mit der Milchtüte in die Küche, um den Morgentee zuzubereiten. Ihre widerspenstige Dupatta knotet sie hinter dem Rücken zusammen, damit sie nicht im Weg ist, während sie die aromatischen Teeblätter ins sprudelnde Wasser wirft. Doch Kusumlata weiß: Gestern hat sie noch in Indien gelebt. Sie wusste, wie das Leben lief, im Indien, das gewesen sein wird. Heute ist alles anders.
Bevor die anderen im Haus aufwachen, hat sie noch etwas Zeit. Aruna weiß inzwischen, wo ihre Aufgaben liegen, also setzt sich Kusuamlata an den Tisch und legt die Morgenzeitung vor sich zurecht. Es ist die Times of India, die täglich mit poppigen Beilagen aufwartet. Auf deren bunten Seiten räkeln sich braune Schönheiten, wie sich gestern nur weiße Mädchen räkelten. Nach der Klage einer Leserin gegen das Räkeln hat das höchste Gericht Indiens entschieden, dass es absolut ok ist, wenn die Tageszeitung ausschaut wie ein Unterwäschekatalog. Kusumlata beißt sich auf die Lippen. Sie sind spröde. Dagegen hilft ein Lippenpflegestift, wie es sie heute in diversen Geschmacksrichtungen in den bunten Drogerien der Einkaufsmeilen zu kaufen gibt. Doch solche Utensilien sind nichts für Kusumlata. Sie weiß, dass ein bisschen Sonnenblumenöl im Bauchnabel genau so gut hilft, den ganzen Körper zart und weich zu halten.
Sie schlägt das Käseblatt zu und arbeitet sich durch die Nachrichten der Hauptzeitung, bis sie über ein neues Gesetz zum Schutz der Senioren stolpert. Von nun an soll es Gefängnisstrafen für sündige Kinder und Enkelkinder geben, die ihre Eltern im Alter vernachlässigen. Was auch immer man über das Thema Großfamilie und enge Bande in Indien gelesen haben mag, so scheint die Notwendigkeit eines solchen Gesetzes wohl doch zu bestehen. Kusumlata schüttelt darüber den Kopf. Wer würde schon seine Kinder hinter Gitter bringen wollen? Sie dachte an ihre Tochter Shruti, die trotz aller wässrig-westlicher Macken eine zuverlässige Tochter war. Es gab noch einen Unterschied zwischen Low-Rise-Jeans und den daraus resultierenden peinlichen Situationen und dem unaussprechlichen Verbrechen, seine Eltern in ein Altersheim abzuschieben oder, wie kürzlich an selber Stelle berichtet wurde, seine verwirrte Mutter in einer fremden Stadt einfach auszusetzen.
Zwischen der Hiobsbotschaft des Selbstmordes eines 10jährigen Jungens wegen Schulstress und den Aufrufen der Regierung gegen das Füttern der Affen, gegen Wasserverschwendung, gegen getönte Autoscheiben sowie gegen das Geben von Almosen rücken sich Werbeanzeigen in den Vordergrund – so bunt wie die Meute an Holi. Es gibt Rabatt, Sonderangebote und Ausverkauf.
Kusumlata weiß, dass die junge Generation anfällig für diese farbenfrohen Anzeigen für sämtlichen Spittelkram ist. In der Sonderbeilage zum Freitag gibt es beispielsweise regelmäßig mindestens eine Doppelseite mit Überschriften wie Must Have oder Must Buy. Jede Woche ein neues Thema: Handtaschen. Sonnenbrillen. Handys. Dupattas. Ohrringe. Schon zum Frühstück kann man sich an Hand dieses bebilderten Werbestreifzuges eine Einkaufsliste zusammenstellen, die länger ist als der eleganteste Hochzeitssari. Und voller Produkte, deren Sinn sich Kusumlata nicht recht erschließen will.
In den glänzenden Magazinen, die Shruti im ganzen Haus herum liegen lässt, schmiegt sich eine Werbeseite an die nächste. Die meisten Produkte sind für Kusumlata ohne Bedeutung. Die Marken sind ihr nicht geläufig. Sonnenbrillen von Puma, Esprit und Hugo Boss. Uhren von Pierre Cardin, Rolex und Tag Heuer. Ah, und indische Produkte: Saris von Ritu Kumar und Satya Paul. Knappere pseudo-indische Lappen, deren winziger Traditionsgehalt die gujarati Spiegelchen und das Mangomotiv sind. Dazwischen Bilder von aufgetakelten Stars und Sternchen der indischen Glitzerwelt mit Champagner-Gläsern in der Hand. Betrunken sehen sie allemal aus, findet Kusumlata, die nur flüchtig auf die glänzende Haut, die breiten Grinsegesichter und das toupierte Haar mit den farbigen Strähnchen illert. Was ist bloß los mit diesen Menschen?
Auf den nächsten Seiten wird man über Strategien aufgeklärt: Besser leben. Gesünder leben. Schöner leben. Sportlicher leben. Ganz so, als sei einfach nur leben nichts mehr wert. Die Lesetipps in der Seitenspalte fallen alle unter die Überschrift Lebenshilfe. Wie werde ich ein besserer Chef? Ein besserer Ehepartner? Ein besserer Redner? Ein besserer Zuhörer? Ein besserer Mensch? Gut ist auch in Indien längst nicht mehr gut genug.
Betäubt von so viel Sinnentleertheit schlürft Kusumlata ihren Chai. Von den Glitzermagazinen hat sie vorerst genug. Was liest Shruti nur darin? Sie kehrt zur Times of India zurück und überfliegt die nächsten Seiten der Freitagsbeilage auf der Suche nach erhöhtem Intelligenzgehalt: Reiseunternehmen machen der neuen Mittelklasse den Globus schmackhaft. Das essentielle Europa in 10 Tagen. Oder 14, falls das Geld dazu reicht. Auf Reisen, versichert man in dicken, ehrlichen Lettern, gibts indische Küche. Zubereitet von indischen Köchen, die in den Partnerhotels stationiert sind. Kusumlata lächelt in sich hinein: Das klingt verlockend. Bisher hatte Kusumlata nicht über den indischen Tellerrand hinaus geblickt, weder auf der Landkarte, noch auf dem Speiseplan. Ab und zu schaut sie sich im Markt die stetig wachsende Produktpalette an, doch gekauft hat sie außer den gewohnten Waren noch nichts. Mal abgesehen von den unverschämten Preisen wüsste sie auch gar nicht, was sie damit anstellen sollte. Oliven zum Beispiel. Was ist das. Was mache ich damit. Weichspüler. Wo in der Sonne steif-getrocknete Wäsche das Stärken ersetzt. Fruchtjoghurt. Dahi macht man zu Hause.
Vor einiger Zeit hatte sie zu einem Glas Konfitüre aus Frankreich gegriffen, doch es stellte sich bald heraus, dass diese schlüpfrige Masse nicht süß genug war. Sie bevorzugt weiterhin Mixed Fruit Jam von Kissan, der seit jeher rosarot auf dem Toast leuchtet. Toast ist allerdings sowieso eher eine Art Notlösung für hungrige Momente, die unglückseligerweise mit Unlust gekoppelt auftauchen, sich aktiv in der Küche zu betätigen. In solchen Situationen greift Kusumlata zur Tawa und röstet zwei Scheiben Weißbrot darauf. Einen Toaster gibt es nicht im Haus. Die Ränder des Brotes schneidet sie dann ab, bevor sie mit einem Löffel eine dünne Schicht der rosa Masse auf dem randlosen Scheibchen verteilt und sich schließlich wieder der Tätigkeit widmet, der sie zugetan war, bevor der kleine Hunger kam. In diesem Fall einem Abklatsch der vielen neuerdings in Indien erhältlichen Lifestyle-Magazine. Doch solche Heftchen haben ihre Tücken, und der Times of India-Verschnitt ist keine Ausnahme. Irgendwo in der Mitte versteckt lauern die Seiten, die mit den kläglichen Texten junger Stadtmenschen zugepflastert sind. Es geht nicht darum, wie man geschwärzte Aluminiumtöpfe wieder zum Glänzen bringt oder wie Dahi immer, aber auch immer gelingt. Vielmehr geht es um unaussprechliche Situationen: Wilde Ehen. Abgesagte Hochzeiten. Heimliche Affären. Und Bettgeflüster. Junge Frauen fragen, ob sie vom Lusttropfen ihres Freundes (nicht des Ehemannes) schwanger werden können. Junge Männer fragen um Rat, um ihre ungeliebte Braut wieder loszuwerden. Kusumlata liest keinen dieser Sätze. Sie hat bereits energisch umgeblättert. Somit bleibt ihr das ganze Ausmaß der Verwirrung unter der jungen Generation erspart.
Leider gibt es auch auf den folgenden Seiten keine brauchbare Lektüre sondern lediglich Modetipps. Was trägt man diesen Sommer? Schwarze Röcke. Kurze Röcke. Bedruckte Röcke. Große, schwere Halsketten aus Schummelmaterialien, die wie überdimensionale Türkise und Smaragde um die langen, schlanken Hälse der Models mit goldschimmernder Haut baumeln.
Das Klappern in der Küche hat aufgehört, obwohl Aruna, die Haushaltshilfe, eigentlich dabei sein sollte, das gestrige Geschirr zu spülen, welches Kusumlata wie üblich unter dem Waschbecken aufgestapelt hatte. Wo steckt Aruna? Kusumlata blättert schnell um und wirft einen prüfenden Blick in Richtung Küche. Sie möchte nicht dabei erwischt werden, wie sie auf entblößte Dekoltées und nackte Beine starrt. Nicht mal von der Hausangestellten. Doch in diesem Moment beginnt Aruna wieder mit den Töpfen herumzuwerkeln. Kusumlata atmet erleichtert auf. Ein vertrautes Geräusch. Als sie sich gestern abend schlafen legte, war die Welt noch in Ordnung. Solche Schmuddelseiten hatte es noch nicht gegeben. Heute muss man vorsichtig sein.
Chai – Schwarztee (gern mit Milch und Ingwer getrunken)
Dahi - Joghurt
Dupatta – Schultertuch
Gujarat – Bundesstaat im Westen Indiens
Salwar Kameez – dreiteiliger Hosenanzug bestehend aus Pluderhose, Tunika und Dupatta
Tawa – flache Pfanne, die vornehmlich zur Zubereitung von Rotis (Fladenbroten) genutzt wird





Toll. Sehr, sehr schön geschrieben. Freu mich auf die nächsten Teile.